Stay queer, come rebel! – Queer-feministische Demo in Bern

Thema: Antisexismus
Datum: 26/08/17
Von: RRN

Unter strahlendem Sonnenschein hat am Samstag 26. August die Gay Pride Ouest  unter dem Motto “Vielfalt ist Reichtum” in Bern stattgefunden. Vielfalt ist Reichtum – dieses Statement, welches von den Organisator*innen gewählt wurde, fasst die Widersprüchlichkeit dieses Anlasses bereits emblematisch zusammen. Mit den Hauptredner*innen, der Bundesrätin Simonetta Sommaruga und dem Berner CVP-Sicherheitsvorsteher Reto Nause ist die Problematik und reaktionäre Auslegung der Gay Pride Ouest offensichtlich geworden. Queere Aktivist*innen haben am Anlass Präsenz gezeigt, die Reden aus Protest übertönt und in einem kleinen Umzug durch die Berner Innenstadt ihrer Meinung kundgegeben.

Nach einer Welle von gewalttätigen Polizeirazzien in Bars, welche von Homosexuellen und trans* frequentiert wurden, ereigneten sich am 28. Juni 1969 vor dem New Yorker Lokal “Stonewall” Unruhen und Auseinandersetzungen. Schwule, Lesben und trans* – zu einem grossen Anteil POC (people of color) und Sexarbeiter*innen – widersetzten sich der willkürlichen Verhaftung durch die repressiven Polizeikräfte. Dieses Ereignis wird bis heute unter dem Namen “Christopher Street Day” oder “Gay Pride” gefeiert und erinnert an den Kampf von LGBTQ gegen die staatliche Repression.

An der heutigen Gay Pride Ouest in Bern erinnert nichts mehr an den militanten Kampf von queeren Menschen gegen die Staatsmacht. Vielmehr wird die Assimilierung an die heteronormative Mehrheitsgesellschaft angestrebt. Auf dem Bundesplatz war ein buntes Sammelsurium an äusserst fragwürdigen Organisationen und Parteien vertreten, welche sich durch Pinkwashing ein diverses und offenes Image erhoffen. So waren neben bürgerlichen Parteien wie die BDP oder den Grünliberalen auch die Pink Cops vertreten, welche einen Zusammenschluss von LGBTQ Polizist*innen darstellt. Dass nun auch schwule und lesbische Polizist*innen zur repressiven Staatsmacht gehören dürfen, welche sie vor nicht allzu langer Zeit diskriminierte und unterdrückte, zeigt ein weiteres Mal wie erfolgreich geschichtliche Zusammenhänge ausradiert.

Im Motto “Vielfalt ist Reichtum” offenbart sich die Bestrebung des Kapitals queere Menschen als Marktlücke zu erschliessen und durch Imagekampagnen die Bewegung zu entpolitisieren. Vielfalt ist gut, solange sie Mehrwert generiert. Gesponsert wird die Pride von Unternehmen wie die BKW (Berner Kraftwerke), der Schweizerischen Post, die Berner Kantonalbank und nicht zuletzt vom Hotel Schweizerhof, welches unter anderem dem Golfstaat Qatar gehört – wo Homosexuelle mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

“Homosexuelle sind eine Bereicherung für die Kultur- und Kunstlandschaft” sagte Reto Nause, in dem er sich ungeniert dem Paradiesvogel-Klischee bediente. Dass der CVP Politiker – welcher einerseits einer Partei angehört, welche sich eh und je gegen die Rechte von sexuellen Minderheiten ausspricht und zusätzlich der Berner Polizei vorsteht, die nicht zuletzt im April 2017 einen queer-feministischen Abendspaziergang angriff – an einer Gay Pride eine Plattform erhält, ist pure Realsatire. Seine Rede wurde mit lauten Buh-Rufen und Parolen quittiert.

Doch auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga, welche in ihrer Rede homonationalistischen Stolz schürte und sich der institutionellen staatlichen Absegnung von LGBTQ-Lebensgemeinschaften in Form einer heteronormativen “Ehe für alle” widmete, wurde mit Protestrufen willkommen geheissen. Als Vorsteherin einer unmenschlichen Asylpolitik, welche queere und feministische Geflüchtete abschiebt und die Festung Schweiz verteidigt, wurde sie mit lauten “Liberez Nekane”-Gesängen an ihre repressive Funktion erinnert.

Linke autonome Queere Menschen sind im gängigen Diskurs zur Homo-Ehe und der kapitalistischen Diversity-Maschinerie von Unternehmen und Grosskonzernen mit ihren Anliegen nicht erwünscht. Umso wichtiger ist es, dass queere Aktiv*istinnen sich den politischen Raum in der Öffentlichkeit an einer Gay Pride – welche von ihrem kämpferischen Kern zu einer kapitalistischen Profitmesse verkommen ist – wieder aneignen. In einer kurzen aber kämpferischen und lauten Nachdemo wurde den queer-feministischen Anliegen, welche an der Gay Pride offensichtlich keinen Platz haben, kundgetan.

KEINE QUEERE ASSIMILATION! KAMPF DEM KAPITAL UND DER REPRESSIVEN STAATSMACHT! KAMPF DEM (HOMO)-NATIONALISMUS! GRENZEN ÖFFNEN! LIBEREZ NEKANE! KEIN GOTT, KEIN STAAT, KEIN PATRIARCHAT!

(Photo – Anarchistische Gruppe Bern – Infoportal)

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