Die Proteste Von 2013 In Brasilien

Thema: Protesten
Aus: „Päfzger“ (06.2017)

 

Die Massenproteste gegen Fahrpreiserhöhungen in Brasilien im Jahr 2013, die zwischen dem 13. und 27. Juni ihren Höhepunkt erreichten, waren nicht nur die größten Massenmobilisierungen seit dem Ende der Militärdiktatur in den 80er Jahre, sondern kennzeichneten sich auch durch viele verschiedene militante Aktionsformen. Die Akteure, die Ursachen und der Verlauf dieses Kampfes soll im Folgenden dargestellt werden. Dabei wird auch besprochen wie die sozialdemokratische Regierung Brasiliens unter Dilma Rousseff der PT (Partido dos Trabalhadores, sprich Partei der Arbeiter) auf den Widerstand reagierte und wie sie anhand verschiedener Formen der Rekuperation versuchte die Kraft der Proteste einzudämmen.

Die MPL

Spricht man von den Massenmobiliserungen im Jahr 2013 in Brasilien, ist es unumgänglich den Fokus auf die MPL (Movimiento Pase Libre) zu richten. Die MPL ist ein Zusammenschluss aus SchülerInnen, StudentInnen und ArbeiterInnen, der sich für kostenfreien Nahverkehr im gesamten brasilianischen Territorium einsetzt. Die Proteste, die gegen die Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr von dieser Bewegung ausgingen, können als einer der zentralen Auslöser der Massenmobilisierungen betrachtet werden, auch wenn ein einzelnes Ereignis nicht den gesamten Massenproteste erklären kann. Vielmehr liegt m.E. der Ursprung letztlich auch in den strukturellen Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft.

Die anfänglich von dem MPL getragenen Proteste im Jahr 2013 waren jedoch nicht neues, zu jenem Zeitpunkt hatten sie bereits einen 10 jährigen Kampf hinter sich: Die MPL Bewegung ging aus den praktischen Erfahrungen verschiedener Kämpfe hervor, z. B. von dem sogenannten „Aufstand von Buzú“ 2003 in Salvador . Dabei wurde drei Wochen lang gegen die Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr protestiert und, obwohl die Preise trotzdem erhöht wurden, dienten die Proteste als praktische Inspiration für weitere Kämpfe: 2004 und 2005 kam es zum „Aufstand der Crata“ in Florianópolis und ebenfalls im 2005 regte sich Widerstand in der Stadt Vitoria. Aus diesen praktischen Erfahrungen gründete sich im 2005 die MPL Bewegung in Porto Alegre.

Die MPL versteht sich als horizontale, autonome und unabhängige Bewegung die an keine Parteien gekoppelt ist aber eine Zusammenarbeit mit Parteien aus dem linken Spektrum nicht ausschließt. Viele unterschiedliche Aktionsformen charakterisieren, neben der Organisation von Demonstrationen, ihre Aktivitäten wie beispielsweise die kollektive Stürmung der Drehkreuze in den U-Bahn Eingängen oder gar das abfackeln derselben (auch ganze Autobusse wurden schon gefackelt), die Errichtung von Straßenblockaden, die Durchführung von öffentlichen Veranstaltungen und Debatten, oder die in Südamerika sogenannten „escraches“, d. .h. der direkte Angriff auf Politiker oder Unternehmer, sei es an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrem Zuhause. Dabei gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass diese Aktionsformen und der damit verbundene Kampf für den kostenfreien Nahverkehr von der MPL in einen breiteren Kontext gestellt werden, die Erhöhung von Fahrpreisen wird als nur einer von vielen sozialen Ausschlussmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft verstanden.

Kurze Chronologie der Proteste

Am 25. März 2013, wurden in Porto Alegre, die Preise für den öffentlichen Nahverkehr von 2,85 brasilianischen Real auf 3,05 Real erhöht. In den nächsten Tagen und Wochen kam es zu Mobilisierungen gegen die Preiserhöhung und kleinere Zusammenstöße mit der Polizei. Hunderte, vor allem Junge Demonstranten, gingen auf die Straßen. Gegen Ende April, anfangs Mai verbreiteten sich die Unruhen: Beispielsweise protestierten in der Landeshauptstadt des zentralbrasilianischen Bundesstaats Goiás, Goiânia, 200 StudentInnen gegen die Fahrpreiserhöhung, es wurden Autoreifen in Brand gesteckt und Straßen blockiert. 8 Tage später, also am 16. Mai, protestieren in Goiania über 1000 Studentinnen. Am selben Tag wurde im Bundesstaat Rio Grande do Norte, in Natal,demonstriert, DemonstrantInnen besetzten die Hauptverkehrsstraße. Ende Mai, anfangs Juni trat die Preiserhöhung in Sao Paolo und Rio de Janeiro ein: Am 3. Juni 2013 organisierte die MPL mit mehreren Dutzend Aktivisten die ersten Proteste in Sao Paolo, in Rio de Janeiro kam es ebenfalls zu Versammlungen. Bereits drei Tage später beteiligten sich bereits zwischen 2000 und 4000 Menschen an den Protesten, es kam im Verlauf der nächsten Tage vermehrt zu Demonstrationen und Zusammenstößen mit der Polizei, die durch ihr aggressives Auftreten kaum auf Sympathien in der Bevölkerung stießen. Bereits zu diesem Zeitpunkt schalteten sich die bürgerlichen Medien mit ihrem hetzerischen Diskurs ein, sie bezeichneten die kämpfenden als „Chaoten“ und „Vandalen“ und forderten die Regierung dazu auf härter durchzugreifen. Des Weiteren versuchten sie die altbekannte Taktik der Spaltung anzuwenden und die DemonstrantInnen in „Demokratisch, legitim Protestierende“ und „gewalttätige Vandalen“ zu unterteilen. Doch die Bewegung auf der Straße ließ sich nicht aufhalten, ca. eine Woche nach dem 6. Juni standen nicht mehr 2000 sondern 50.000 Menschen in Sao Paolo auf der Straße. Zwei Wochen nach dem 6. Juni hingegen, blockierten ca. 1.250.000 Menschen in über 460 Städte den öffentlichen Raum. Allein in Recife, Vitoria und Sao Paolo waren je 100.000 Leute auf der Straße, in Rio waren es 300.000 Leute.

Wieso nahmen die Proteste ein solches Ausmaß an?

Folgt man der These, dass die eigentliche Ursprünge in den strukturellen Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft zu finden sind, dann wird deutlich, dass die seit längerem stattfindenden Kämpfe gegen die kapitalistische Ordnung im Jahr 2013 zusammengefunden haben: Die Proteste gegen die Preiserhöhung des öffentlichen Nahverkehrs, die Kämpfe gegen die zunehmende Urbanisierung, gegen die Vertreibung aus den Favelas, gegen die Polizeirepression, Proteste gegen die WM 2014 und andere Massenevents wie der Besuch vom Papst oder die olympischen Spiele, Kämpfe der Schwulenbewegung, Kämpfe der Minenarbeiter, indigene Kämpfe oder Kämpfe gegen die kontinuierliche Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Städten in Bezug auf Gesundheit, Bildung, Ernährung. In der Zeitspanne zwischen dem 6. Juni 2013 und dem 20. Juni, ist in diesem Sinne eine Generalisierung und Verschmelzung der Kämpfe zu beobachten, was sich auch an der deutlichen Erhöhung der Anzahl Protestierender widerspiegelt (von den 2000 Protestierenden in Sao Paolo zu über 1. Million Demonstranten in verschiedenen Städten). Das Bewusstsein über die strukturellen Widersprüche des kapitalistischen Akkumulationsregimes zeigt sich auch an den „Forderungen“ der Demonstranten, denn es wurde aufgerufen nicht nur bei dem Protest gegen die Preiserhöhung des öffentlichen Nahverkehrs stehen zu bleiben, sondern aufs Ganze zu gehen: Viele riefen dazu auf, das gesamte kapitalistische System mitsamt seinen Machtstrukturen zu hinterfragen. Denn, obwohl viele links-bürgerliche Kräfte bis heute an der PT (Partido dos Trabalhadores) festhalten, war in Brasilien bereits im Jahr 2013 bei vielen Menschen das Vertrauen in die bürgerliche Demokratie und in die sozialdemokratische Regierung deutlich verblasst.

Die radikalen Ansätze der Massenproteste

Obwohl die Medien, wie bereits erwähnt, versucht hatten die DemonstrantInnen in „gut“ und „schlecht“, sprich „militant“ und „friedlich“ einzuteilen, verteidigte ein beachtlicher Teil der DemonstrantInnen die militanten Widerstandsformen und rückte die Kritik der strukturellen Gewalt des Kapitalismus in den Vordergrund: Nicht nur die Polizei ist gewalttätig sondern auch die Wirtschaft, ist beispielsweise auf Plakaten zu lesen. Zudem legten die massiven Demonstrationen ganze Städte lahm, es wurden Flughäfen und Autobahnen blockiert, Großunternehmen angegriffen, Supermärkte geplündert und sowohl Polizeikräfte als auch Politiker angegriffen. Natürlich kam es auch zu weniger reflektierten Angriffen, die vor allem diejenige trafen die bereits von der Wirtschaft systematisch verprügelt werden. Doch solche unreflektierte Angriffe waren in der Minderzahl. (Dennoch werden solche unreflektierte Angriffe seitens Links-bürgerlichen Kräften hochstilisiert um die gesamte Massenproteste zu diffamieren.) Während den Demonstrationen wurde selbstverständlich auch viel plakatiert und viele Flyers verteilt, die z. B. zur internationalen Solidarität und Vernetzung der Kämpfe aufriefen. Interessant ist zudem, dass die Organisation und Vernetzung der Kämpfe innerhalb Brasiliens im Jahr 2013 mehrheitlich außerhalb der demokratisch, staatlichen Strukturen verlief, was viele Linke dazu veranlasste den Widerstand als chaotisch, unpolitisch und spontan zu bezeichnen. Es wurde viel über soziale Medien kommuniziert, doch auch die bereits vorhandenen Nachbarschaftskomitees dienten zur Vernetzung und Organisation, genau wie die Vollversammlungen in verschiedenen Städten.

Nachdem einige der interessanten Ansätze der Proteste dargelegt wurden, will ich mich noch kurz auf die wandelnde Positionierung Rousseffs in Bezug auf die Proteste beziehen um anschließend die angewandten Methoden der Rekuperation der Kämpfe darzustellen.

Die PT

Dilma Rousseff, die erste Präsidentin Brasiliens, bezeichnete die Proteste zunächst als „Aufstand der Mittelschicht“, dabei folgte sie der ideologischen Logik ihrer Partei, denn laut der PT ging es dank ihrer Politik, die bereits im Jahr 2003 unter Lula da Silva erste Schritte tätigte, im Jahr 2013 der Bevölkerung besser den je. Aus diesem Grund gab es in ihren Augen gar keinen Grund um zu protestieren. Die zunehmenden Ausschreitungen und militanten Aktionsformen wurden nicht nur von den Medien sondern auch seitens der Regierung vehement kritisiert: Das sei kein de demokratisches Verhalten sagte Dilma. Doch bereits 18. Tage nach dem 6. Juni 2013, also nach dem sich die Proteste massiv verbreitet hatten und an stärke gewannen, ist ein Strategiewechsel seitens der Regierung zu beobachten: Dilma Rousseff sprach plötzlich von: „Der Stimme auf der Straße auf die gehört werden muss“, sie sagte die Protestierenden hätten mit ihren Forderungen recht, die öffentliche Verkehrsmittel und das Gesundheits- und Bildungssystem müssten verbessert werden. Sie schreckte auch nicht vor einer zynischen Instrumentalisierung der Massenproteste zugunsten der bürgerlicher Demokratie zurück und behauptete Brasilien sei dank der Protesten stärker geworden und dass die massiven Demonstrationen der Demokratie neue Energie gegeben hätten. Auch weitere naive, populistische Äußerungen Dilmas waren zu hören wie z. B.: Das Volk hat gesprochen! Der Mensch soll über der Wirtschaft stehen! Anhand dieser Worthülsen seitens der Regierung, sprich anhand eines neuen populistischen Diskurses versuchte Dilma letztlich eine Reform einzuleiten und die Gemüter auf der Straße zu dämpfen. Doch die Wut gegen die Repression, die Korruption der Politiker, gegen die hetzerischen Medien, gegen die Farce der Justiz und gegen die gesamte Warengesellschaft ließen sich nicht bändigen. PT Mitglieder, wie auch Mitglieder anderer Parteien, wurden aus den Demonstrationen vertrieben und ihre Fahnen verbrannt, Parolen und Flyer gegen die linke Regierung wahren an allen Demonstrationen zu hören. Die Rechnung der PT ging und geht bis heute nicht auf: Sie behaupteten und behaupten heute immer noch, dass alle die gegen die PT Regierung sind, die Rechten Parteien unterstützen. Doch in Brasilien hat sich im Jahr 2013 ein antikapitalistischer Kampf, mit vielen antiautoritären, antinationalistischen Ansätzen verbreitet, ein Kampf der sich nicht in die bürgerliche Politik einsperren ließ, d.h. dass das bürgerlich-demokratische System an sich kritisiert wurde, ein Ansatz der für die PT unverständlich ist. Es sei ebenfalls erwähnt dass sich tatsächlich nationalistische und konservative Kräfte versuchten in die Kämpfe einzumischen und diese zu instrumentalisieren, doch es gelang ihnen nicht. Es fehlte ihnen sowohl an konkreten Perspektiven als auch an einer breiten Unterstützung.

Wie versuchten die bürgerlichen Kräfte die Kämpfe zu rekuperieren?

Wie bereits erwähnt, versuchte die bürgerliche Linke den Aufstand zu diffamieren, in dem dieser als „Mittelschicht Aufstand“ bezeichnet wurde. Dadurch versuchten sie die Proteste in eine rechts-konservative Ecke zu positionieren um sie zu isolieren und die Repression zu rechtfertigen. Als der Strategiewechsel seitens der PT Regierung kam, wurden die Proteste als unorganisiert und chaotisch bezeichnet. Unter dem Vorwand den „Politisierung“ war die Sozialdemokratie darum bemüht die Proteste in einen bürgerlich-demokratischen Rahmen zu sperren: Sie versuchten einen Vertreter der Bewegung zu etablieren, der als Verhandlungspartner fungierten sollte: Die Strategie der Delegation. Auf dieses Thema will ich noch kurz abschließend eingehen, denn diesbezüglich lässt sich einen Wandel in der MPL selbst beobachten: Seit 2005 verstand sich das MPL als autonomer Zusammenschluss, ohne Delegierte, Präsidenten, Sekretäre oder Bosse. Zudem benutzte, wie anfangs erwähnt, das MPL bis im Jahr 2013 vor allem direkte Aktionen um den Widerstand zu verbreiten. Doch nach der massiven Zunahme den Proteste im Juni 2013, bezeichneten sich plötzlich einzelne Personen als „Anführer“ oder „Repräsentanten“ des MPL. Sie riefen dazu auf, die Proteste zu stoppen, Parteien, Politiker und Polizeikräfte nicht anzugreifen und forderten einen Dialog mit der Regierung. Aber auch solche Positionen wurden in Brasilien entschlossen angegriffen, das MPL wurde von vielen, mehrheitlich aus linksradikalen und anarchistischen Kreisen dafür kritisiert. Die bürgerliche Linke war natürlich froh über solche autoritären und reformistische Erscheinungen innerhalb des MPL.

Die Massenproteste konnten schlussendlich die Erhöhung der Fahrpreise verhindern, sie nahmen jedoch zunehmend an Stärke ab. Auch wenn es in den Folgenden Jahren weiterhin auf allen Ebenen Kämpfe gab, erreichten sie nie denselben Umfang wie im Jahr 2013. Dennoch bleibt der Impuls der von diesen Kämpfen ausgegangen ist noch heute lebendig. Genau wie die Stärke des MPL´s aus einem langjährigen Prozess herausgegangen ist, ist es gut möglich dass sowohl die negativen als auch die positiven praktischen Erfahrungen der Massenproteste von 2013 in den nächsten Jahren Früchte tragen werden, damit bestenfalls beim nächsten weit verbreiteten sozialen Konflikt ein tieferer Bruch mit dem kapitalistischen System vollzogen werden kann. Einige wichtige Punkte die anarchistische und kommunistische GenossInnen, in Auseinandersetzung mit den Massenproteste von 2013 hervorgehoben haben, sind die Schaffung revolutionärer, autonomer Strukturen, die konkrete und schnelle Bekämpfung von Führerrollen und Verhandlungspartner (das impliziert auch die MPL wenn sie sich als führende Kraft aufspielt genauso wie Gewerkschaften und Parteien), die Sabotage der Wirtschaft durch verschiedene Aktionen seien es längerfristige Straßenblockaden, die Erstellung bewaffneter Streikposten in Fabriken oder die Durchführung eines wilden Streiks (nicht ein von den Gewerkschaften und links-reformistischen Parteien kontrollierten Generalstreiks) und eine breitere internationalistische Vernetzung.

Turin: Repression – Razzia in verschiedenen selbstorganisierten Freiräumen, 6 Verhaftungen

Thema: Repression
Datum: 3. Mai 2017
(Übersetzt aus: http://www.informa-azione.info/torino_repressione_irruzione_in_diversi_spazi_ocrestcupati_e_6_ari)

 

Am 3. Mai um 6.30 morgens sind verschiedene Riotcops-Einheiten des Polizeipräsidums und der Carabinieri, koordiniert von Digos und ROS (Spezialeinheit der Carabinieri) in den selbstorganisierten Freiräumen – “Asilo Occupato”, “Corso Giulio Cesare”, “Borgo Dora”, zudem in zwei Wohnungen in Turin und Barge – eingebrochen; die lokalen Medien sprechen zudem von Polizei-Überfällen in Bologna und in der Cuneese (Provincia di Cuneo), worauf wir aber noch keine Bestätigung erhalten haben.

Der Vorwand für dieser Repressionsmassnahmen, die in der Verhaftung von sechs Genoss*innen endete, soll eine Schlägerei ende Februar vor dem “Asilo Occupato” gewesen sein; die Anklagen sind Entführung, Schwere Sachbeschädigung und Wiederstand gegen die Staatsgewalt. Antonio di Lecce, Antonio Sardo, Camille, Fabiola, Fran e Giada wurden in den Knast von Vallette eingesperrt, zudem ist von einer siebten Verhaftung die Rede.

Da die Bullereibesatzung trotz der Festnahmen fortbesteht, leiten wir die Einladung der Besetzer*Innen weiter, die immer noch auf dem Dach verharren, euch am Corso Brescia Kreuzung mit Via Alessandria, zu versammeln

Aktualisierung 10.20: Die Präsenz von Riotcops und Digos besteht weiter, eine Untersuchung von allen Räumen im Asilo Occupato in Bezug auf Sachsbeschädigungen gegen den Sitz des Kaffeeunternehmens Lavazza ist im Gange; Beamte vom Energieunternehmen sind angekommen um den Strom abzuschalten. Einige Genoss*innen wiederstehen weiterhin auf dem Dach; weiterhin erneuert man den Aufruf, sich am angekündigten Ort zu versammeln.

Aktualisierung: während Mitteilungen der Anwält*innen aus den Haftanstalten erwartet werden, konnten sechs Verhaftungen bestätigt werden; beim Asilo Occupato wurde das Gas abgestellt.

 

(Foto: asilosquat.noblogs.org/)

Der 25. April, ein Tag der Befreiung?

Thema: Antifaschismus
Von: Anarchistische AntifaschistInnen

 

Im Mai 1945, kurz nach den Feierlichkeiten für den Tag der Befreiung  Italiens, wurde Belgrado Pedrini, ein Anarchist der in den Bergen von  “Carrara” gekämpft hatte, verhaftet. Viele andere PartisanInnen  teilten dasselbe Schicksal und wurden im selben Zeitraum festgenommen.  Ihnen wurde vorgeworfen, bereits vor dem 8. September ´43, gegen das  Regime gekämpft zu haben und auch nach dem 25. April ´45  (Tag der  Befreiung) weiterhin in widerständigen Praktiken verwickelt gewesen zu  sein.
Zur selben Zeit floss Blut durch die Straßen Siziliens: Die Bonomi  Regierung, in Komplizenschaft mit allen politischen Kräfte der  verfassungsgebenden Versammlung, tötete hunderte von Menschen die  gegen die Zwangsrekrutierungen der Armee Widerstand leisteten. Analog  zu diesem Widerstand gegen den Zwang sich an einem Krieg zu beteiligen  mit dem sie nichts zu tun haben wollten, verschärfte der Hunger, unter  dem viele Menschen litten, zusätzlich die Lage.

Während viele unserer GenossInnen bis zu 30 Jahre in Haft verbrachten,  wurden bereits im Jahr 1946 viele Faschisten auf freien Fuß gesetzt.  Als sei in all den Jahren zuvor überhaupt nicht passiert konnten sie,  dank der unter dem damaligen Minister für Gnade und Justiz, sowie auch  dem Sekretär der Kommunistischen Partei Palmiro Toglitatti,  unterzeichneten Begnadigung, ihre ehemaligen Tätigkeiten  wiederaufnehmen. Wer sich gegen dieses dreckige Vorgehen stellte, wurde durch Drohungen  in Form von Waffengewalt und Haftstrafen „beruhigt“. Der Mythos der italienischen Demokratie als ein auf Widerstandswerte  aufgebauten Staats, ist eine grosse Lüge. Trotz des Untergangs  Mussolinis hat der italienische Staat weiterhin das hungrige  italienische Volk massakriert und die Subversiven und Revolutionäre  verhaftet; darunter auch diejenigen die während dem Befreiungskrieg  Protagonisten waren. Sowohl vor als auch nach der Regierung des  “Duce”, blieben die Fundamente der staatlichen Institutionen und ihre  Aufgabe dieselben: Die Polizei führte ihre Verhaftungen fort, die  Gerichte hatten weiterhin die Macht Urteile zu fällen um die  Fortführung der Ausbeutung zu sichern. Die Herrschaft hatte lediglich  ihr Kostüm verändert, de facto änderte sie nur ihre Form während ihre  Substanz dieselbe blieb.
Man versucht uns einzureden, dass der Übergang vom totalitären Staat  zur Demokratie mit einer radikalen Änderung der Gesellschaft, ihrer  Werte und Mechanismen, einherging. Durch diesen Übergang sollen gar  die Gewalt und die Ungerechtigkeit seitens der Machtstrukturen  verschwunden sein. Voller Zynismus brüstet sich der Staat mit einem  Diskurs über Werte, Gerechtigkeit und Justiz, obwohl er weiterhin  dieselben Mechanismen pflegt. Wir sprechen hierbei nicht nur in  Hinblick auf die Geschichte, sondern auch in Bezug zur Gegenwart. Wir  leben in einer gespaltenen Gesellschaft zwischen Ein-und  Ausgeschlossenen, eine Gesellschaft in der die Gier weniger, die Armut  vieler bewirkt.

Damals rechtfertigte die Expansion des „Imperiums“ den Krieg, heute  werden im Namen des Exports der Demokratie ganze Städte und Dörfer  zerstört und der Tod tausender Menschen in Kauf genommen. Wer von der  Vernichtung, der Zerstörung der Umwelt und der Ausbeutung flüchtet,  die sowohl durch den italienischen als auch von anderen westlichen  Staaten verübt wird, dem erwartet (wie dazumal all den  „Unerwünschten“) ein Leben in Lagern. Europa hat die Verwaltung des Zuflusses an Geflüchteten, gegen Geld,  an Misanthropen wie  Erdogan, General Al-Sisi, Al-Sarraj und anderen  delegiert, in der Hoffnung Europa abzuschotten und die „Unerwünschten“  von den Grenzen fernzuhalten. Es wundert uns kaum dass die brutale und rücksichtslose Gewalt – die  der Westen seit Jahren exportiert – manchmal zurückkommt. Der Terror wird nicht nur von einigen „Kamikazekämpfer“ wie ein Virus  verbreitet, sondern auch von den Medien, die ein Klima der Angst und  der Unsicherheit schaffen. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation:  Einerseits begrüßt man im Namen der Sicherheit die Präsenz von  Uniformierten in den Städten, Uniformierte die Menschen misshandeln  und unsere Existenz bedrohen, die auf den Straßen, in den Kasernen und  Knäste töten und foltern. Gleichzeit interessiert sich kaum jemand für  die Toten und vergifteten während der Arbeit oder für die Armut in  unseren Quartieren, in denen, während einige nicht über die Runden  kommen, andere die Aufwertung in Form von Luxus Boutiques  vorantreiben, damit Touristen mit genügend Geld ihre  Konsummöglichkeiten genießen können.
Nationalismus, Autoritarismus, Sexismus, Xenophobie, Rassismus:
Das sind die Werte und Grundpfeiler der Gesellschaft in der wir leben,  dass sind die Werte die man uns mit Schlägen aufzwingt. Es wurde vor  1920 bereits so gemacht, und wird heute weitergeführt. Soziale  Kontrolle, Propaganda und Repression, sind alles wiederkehrende Mittel  der Herrschenden.
Heute, am 25. April 2017, stellen wir uns die Frage: Von welcher  Befreiung sprechen wir? Die Befreiung ist kein formeller Akt oder  einen staatliches inszeniertes symbolisches Ritual.
Obwohl es bis jetzt keine Befreiung vom Staat und der Ausbeutung  gegeben hat, inspiriert uns der Weg der viele PartisanInnen wählten.  Aus ihrer Entschlossenheit können wir lernen um vor der  Ungerechtigkeit nicht zu kapitulieren, sondern mit der ganzen Kraft  unserer Arme und Herzen weiterzukämpfen.

Heute bedanken wir uns bei all den Frauen und Männer die in den Bergen  gekämpft, gelitten und gesungen haben; sie waren keine SoldatInnen,  sondern organisierten sich als freie Brüder und Schwestern. Wir werden  versuchen aus ihren Geschichten Mut und Entschlossenheit zu  entwickeln, um auch heute den Widerstand voranzutreiben.

Anarchistische AntifaschistInnen
(übersetzt von RRN)

Photo – graficanera.noblogs.org