Reflexionen eines angekotzten müden queeren Subjekts

Thema: Queer
Datum: 24/01/2018
Von: Freund*innen der RRN

Marxismus, Existenzialismus, Antifaschismus, Trash, Britney Spears, Populärkultur, Techno, Liebe in Zeiten des kommenden Aufstands

Ein Essay in sechs Teilen.

Schöne neue pinke Welt. Amikäfer Halt!

Die florierende Sicherheitsindustrie und die militärische Aufrüstung werden durch die Rekrutierung von LGBT-Individuen gestärkt. Angetrieben wird diese Rekrutierung von Vertreter*innen des neoliberalen politischen Establishments. Während sich die jetzige Trump-Administration gegen den Dienst von Trans*menschen positioniert, übernimmt die herrschende medial angetriebene feministische Diskussion die Verteidigung von identitätspolitischen Anliegen, statt den überdimensionierten Sicherheitskomplex in Frage zu stellen. Was sollte daran falsch sein, dass Trans*menschen in der Armee dienen dürfen? Entgegen der transphoben Politik Trumps sollte es in der individuellen Freiheit liegen, ob man sich in das System der Landesverteidigung eingliedern möchte oder nicht. Und gerade in einer Zeit in der gerade in den USA die Anliegen von Trans*menschen wieder mediale Beachtung erhalten. Natürlich wird auch hier das neoliberale Establishment in der aufgeladenen Porträtierung von weissen und privilegierten Individuen aktiv, während noch immer viele überwiegend schwarze Trans*frauen im ganzen Land in Hassverbrechen ermordet werden. Der liberale Diskurs hat die Positionen bereits etabliert. Selbstgerecht anmutende Menschen, welche sich left-wing bezeichnen, sind für die Rechte von Trans*frauen und somit auch für die Eingliederung von Minderheiten, um dem tötenden Militärkomplex neues Futter und ein liberales zukunftgewandtes Image zu verschenken. Sie applaudieren und schreien Gerechtigkeit, wenn die Hälfte der zehn reichsten Menschen aus Frauen bestehen wird. Die Gruppe der liberalen US-Amerikaner*innen kann schlecht als links bezeichnet werden, denn sind ein Produkt einer langjährigen kapitalistischen Hirnwäsche, welche durch Identitätspolitik eine profitable und unschädliche Gruppe im neoliberalen Markt produziert hat. Die marktrelevante Individualisierung und Optimierung der eigenen Identität scheint Hand in Hand mit der Entfremdung der zugehörigen Klasse einherzugehen. Wer die Homo-Ehe will, scheint sich mit der Verachtung gegenüber anderen weniger privilegierten und unterdrückten queeren Lebensformen arrangiert zu haben. Wer in den USA links ist, würde sich hoffentlich der faschistoiden und perversen Verehrung und Verherrlichung der Landesverteidigung und des Nationalstaates entziehen. Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird die Tötung unzähliger Menschen seit Beginn der Entstehung euphorisch gefeiert.

Hummus und Fick am Gay Beach. Pink Money im Überwachungsstaat

Doch nicht nur in den USA, auch in anderen Staaten hat sich der Homoimperialismus installiert. Der militarisierte Staat Israel ist für die Erhaltung seines Sicherheitsapparats und der imperialistischen Bodenpolitik auch auf schwule und lesbische Soldat*innen angewiesen. Die Israelische Armee ist in den Sozialen Medien übrigens sehr gut repräsentiert. Auf Youtube geben junge attraktive Menschen mit einem Lächeln auf den Lippen der Besetzung und Unterdrückung Palästinas ein modernes und frisches Gesicht. Auch die Gleichstellung von Homosexuellen in der Armee wird dabei gross zelebriert. Dies geht einher mit der Etablierung einer riesigen profitablen Tourismusindustrie, welche dank günstigen Flugverbindungen Massen an LGBT-Touristen in das hermetisch abgeschottete Land lockt. Strandferien, Clubs, Händchen halten ohne verhauen zu werden; das liberale Aushängeschild Tel Aviv wirbt mit gross inszenierten und gesponserten Paraden, freizügigen Flirts mit attraktiven jungen Menschen und dem Charme einer Party – umgeben von Krieg und Verderben – für grosszügige Tourist*innen, welche die ständige Gegenwart von Waffen und Soldat*innen auch schon mal vergessen können. Wer die Aussage Israel ist der einzige Staat im Nahen Osten, welcher LGBT schützt als legitimes Argument in einer Diskussion über die imperialistische Politik der Israelischen Regierung verwendet, legitimiert massive Verbrechen an der Menschheit durch die Gleichstellung von LGBT im Tötungsapparat. Als würden LGBT-Soldat*innen in Israel durch ihren Armeeeinsatz endlich die langersehnte Gleichstellung erfahren. Aber auch andere Destinationen, wie zum Beispiel Kapstadt, werben mit sorgenfreien heteronormativen Traumferien für weisse LGBT Tourist*innen, während im gleichen Land überwiegend schwarze queere Frauen* durch Massenvergewaltigungen korrigiert werden. Schwule und lesbische Pärchen sind eine finanzstarke Zielgruppe der Tourismusindustrie geworden. Auch in Ländern, wo das Leben von queeren Menschen nicht ganz dem sorgenfreien Ferienerlebnis gleichkommt.

jörg haider /alice weidel /pim fortuyn /thomas fuchs/ ernst röhm/ michael kühnen/ nick griffin/ martin webster/ edmund heines/ karl ernst/ gays against semitism/ aryan resistance corps/ no fem, no fat, no asian/ no curry, no rice, no spice/ the pink swastika/ reclaiming masculinity/ milo yiannopoulos/ caitlyn jenner/ gay aryan skinheads/ chadwick moore/ florian philippot/ jack donovan/ TERFS/ masc4masc/

Problematisch scheint ebenfalls die öffentliche Verteidigung von LGBT-Rechten, wenn es darum geht sie gegen muslimische Menschen zu verwenden. Diese westlichen Werte von Freiheit und Demokratie haben die LGBT-Rechte ja sowieso immer geschützt und verteidigt und diese gilt es vor dem rückständigen Islam zu schützen. Im gleichen Atemzug wird von Faschisten plötzlich auch auf die Rechte von Frauen aufmerksam gemacht und die westliche Welt als Rettung für die unterdrückte und in der Opferrolle hineingepresste Muslima hinaufbeschworen. Es waren die gleichen Parteien welche bei jeder Gelegenheit die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten bekämpft und Gesetzesänderungen vehement vereitelt haben, indem sie ihre faschistischen Parolen hinter pseudofeministischen Themen verpackt und damit profiliert haben. In ihrer Hetze gegen Muslime sind auch sie für die Einschränkungen in den Bürgerrechten und der Privatsphäre verantwortlich und auch sie sind am Gewinn der florierenden Sicherheitsindustrie beteiligt, welche uns in einem beispiellosen Spektakel der Illusion vorsetzt, unser Leben wäre unter der ständiger Bedrohung durch islamistische Terrorist*innen. Was macht die linke gut betuchte weisse akademisch ausgebildete LGBT-Elite hierzulande? Sie sammelt Geld in Kampagnen für die Homo-Ehe. Sie teilt Posts zur Adoption von gleichgeschlechtlichen Paaren auf Facebook. Sie bezeichnet sich queer und glaubt an pragmatische Lösungen und langsame Veränderungen. Sie treibt den Amidskurs an und lässt den antikapitalistischen und antifaschistischen Kern fallen.

he fills me up, he gives me love, more love than I’ve ever seen“

An einem Konzert im Rahmen eines queeren Filmfestivals erlebte ich den Ausdruck gegenwärtiger queerer Realität in seiner massivsten Form. Eine Frau, ein Mann, beide in Regenbogenanzügen, die ganze Bühne bunt dekoriert, alle gute Laune. Ein Tänzer und eine Tänzerin sorgten für den zuckrigen Überfluss dieser dreiviertelstündigen Psychose. Zwischen den nichtsaussagenden Kaugummi-Songs sang das Duo schliesslich ein Lied, welches sich gegen den russischen Präsidenten Putin richtet und dem ganzen Anlass noch den nötigen politischen Touch gab. Natürlich ist das Leben von LGBT-Menschen in Russland gefährlich und von Diskriminierung und Unterdrückung geprägt. Die Produktion eines Anti-Putin Songs als einziges politisches Statement einer selbsternannten queeren Band wirkt jedoch geradezu entpolitisierend und banal. Ich war nicht auf einer queeren Party, ich war auf einer neoliberalen Propagandaveranstaltung, die den antirussischen Diskurs der US-amerikanischen Clinton-Liberalen wieder aufnahm. Ich hätte gleichzeitig sämtliche von Popstars gesungenen Super-Bowl USA-Nationalhymnen hören können. Ich hätte das Video, in dem eine junge Whitney Houston vor einer Gruppe Marinesoldat*innen „All The Man I Need“ zu Besten gibt, in Endlosschlaufe schauen können. Die Folge von Ru Paul’s Drag Race, in der Veteran*innen ein Drag Make Over erhalten. Wie sich die neoliberale Vorzeige-Lesbe Ellen DeGeneres bei einem Soldaten-trans*-Pärchen für den Dienst am Vaterland bedankt. Es wäre immerhin noch besser produziert gewesen.

call of the void

Was bleibt den queeren Menschen, welche sich nicht mit den Unterdrückern solidarisieren wollen, weil sie bald heiraten können? Was bleibt den queeren Menschen, welche sich jeden Tag in einem Kampf gegen das System befinden? Einem Kampf gegen die Zwangsprositution der Lohnarbeit, gegen die neoliberale Kälte, gegen die Normalisierung des Faschismus in Politik und Gesellschaft, gegen den Nationalstaat und die Festung Europa, gegen Grenzen und Gefängnisse, gegen die heteronormative Ordnung, gegen die männliche Herrschaft, gegen den Optimierungs- und Leistungsdruck, gesellschaftliche Kontrolle und Polizeirepression. Bist du auch gegen die Optimierung von möglichen sexuellen Begegnungen durch Apps und der Beteiligung am Sterben queerer Orte und Geschichte?

Und an alle anderen: Wenn ihr euch ernsthaft überlegt

  • faschistische Parteien zu wählen, weil die Vorsitzende eine Lesbe ist

  • mit Pink Cops zu sympathisieren, mit ihnen zu reden, ihnen zu vertrauen

  • an eine Gay Pride zu gehen, welche von Grosskonzernen und Banken zwecks Pinkwashing gesponsert wurde und Pink Cops, Queer Officers, die Gay SVP und die kapitalistischen Führungskräfte der Network mitmarschieren lässt

  • privilegierte gutverdienende verheiratete Yuppies zu werden, welche zu zweit eine 5-Zimmerwohnung bewohnen und ihren letzten Urlaub in einem Gay Resort in Kapstadt verbracht haben

  • dass ihr euch weil man jetzt in einer besseren Zeit lebt nicht über die Vergangenheit der Verfolgung, der polizeilichen und gesellschaftlichen Repression, den Kämpfen gegen die herrschende Ordnung, der AIDS-Bewegung und linken queeren Aktivismus informieren möchtet

  • keine „Farben“ zu sehen, dafür schwarzen Menschen Rassismus erklären, als Cis-Mensch Gender dekonstruiert zu haben und trans*Menschen erklären, dass Gender ein Konstrukt ist

  • die Kopftuchdebatte als Teil eures feministischen Selbstverständnisses aufzunehmen

seid ihr doch nur ein autoritärer Charakter in einer Regenbogenfahne.

 

(Photo: los.ch/spenden)

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