Zur Russischen Revolution 1917

Thema: Kultur/Debatten
Aus: De Päfzger, Dezember 2017

Wer 100 Jahre nach dem Beginn der Russischen Revolution immer noch eine undifferenzierte Apologie des Bolschewismus und seinen Methoden betreibt, zeigt lediglich auf wie starr und dogmatisch autoritär kommunistische Ansätze geblieben sind. Eine komplette Verdammung der Russischen Revolution hingegen, die – ganz im Duktus der bürgerlichen Geschichtsschreibung – ebendiese ausschließlich als einen reinen „Bolschewistenputsch“ bezeichnet, verkennt die Komplexität eines revolutionären Prozesses und wälzt sich aus historischer Distanz in seiner eigenen Arroganz. Denn die Russische Revolution war nicht ein von Anfang an durch Lenin orchestriertes Ereignis, wie einige AnarchistInnen behaupten. Die Kraft der Russischen Revolution kam ursprünglich von den kämpfenden Massen, die durch Streiks, Demonstrationen, Aufstände und die Errichtung von Arbeiterräte das zaristische Russland ins schwanken brachten. Lenin war sich der revolutionären Kraft der Massen bewusst, wie er in seinem Vortrag im Zürcher Volkshaus im Januar 1917 darlegte. Dabei analysierte er die Ereignisse der Revolution von 1905 und kritisierte die Auffassung liberaler und sozialdemokratischer Kräfte zu jener Zeit, die das russische Volk für eine „unbewussten Masse“ ohne revolutionäres Potential hielten. Doch die Geschichte lehrte sie eines besseren und es zeigte sich wie eine – mehrheitlich analphabetische Bevölkerung – radikaler als die Parteianhänger war. Dass 1905 die Revolution jedoch nicht aus Ganze ging, veranlasste Lenin, die These seiner Schrift „Was tun?“ (1902), als bestätigt zu betrachtet, in der er davon ausging, dass die Massen lediglich zu einer unmittelbaren Verbesserungen ihrer eigenen Interessen im Stande seien. Aus diesem Grund ist für den Sieg der proletarischen Revolution angeblich eine revolutionäre Avantgarde notwendig, die in der Lage ist den Massen den Weg Richtung Revolution aufzuzeigen.

Die Bolschewisten konnten 1917 zur Macht gelangen, weil sie sich an die Forderungen der Massen anschlossen: Kein Krieg, Land, Brot, und alle Macht den Sowjets. Das fehlende vertrauen der Massen in die provisorische Regierung führte zu Sympathien mit den Bolschewiki, welche, anhand der Parole „Alle Macht den Sowjets“, die Abschaffung der provisorischen Regierung forderten (eine revolutionäre Forderung).

Doch die autoritäre und konterrevolutionäre Auffassung einer Revolution geleitet durch eine Avantgarde wurde – neben dem Bürgerkrieg in dem sich Russland verwickelt sah, sprich neben den ganzen „äusseren Umständen“ wie z. B. den Kampf gegen die Weisse Armee und die Interventionen ausländischer Kräfte, (als auch die ausbleibende proletarische Erhebung in anderen Ländern)- der Revolution zum Verhängnis sobald sich die Macht der Bolschewistischen Partei in staatlichen Strukturen verfestigte und die Selbstbestimmung der Arbeitersowjets aufhob. (Natürlich sind Arbeiterräte nicht per se revolutionär, ein Arbeiterrat ist lediglich eine Form der Organisierung die noch nichts über den Inhalt derselben aussagt, doch es hat sich gezeigt, dass sie in der Lage sind mit der Macht des Staates zu brechen). Die Konsolidierung der Macht der Bolschewiki, die letztendlich den Staatskapitalismus als Übergang zum Sozialismus verstanden, war ein Prozess der – wie Emma Goldman sagte – bereits in den Geburtswehen der russischen Revolution begann und aus unserer Sicht, sich im Jahr 1921 verfestigte. Nicht nur wegen der blutigen Niederschlagung des Aufstands von Kronstand unter dem Kommando von Trotzki (nicht zu vergessen ist auch die Zerschlagung der Machnowschtschina 1922), sondern auch weil zur selben Zeit in der die kronstädter Matrosen bekämpft wurden, der 10. Parteikongress stattfand in dem ein Fraktionsverbot beschlossen wurde, was die Macht der Bolschewiki zementierte, und auch die Neue Ökonomische Politik eingeführt wurde, was der Privatisierung und dem Privathandel wieder auftrieb verlieh. Schlussendlich diente die Macht der Bolschewiki der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsform, das feudale Russland wurde mit eisernen Faust modernisiert.

Es folgen Auszüge aus dem linkskommunistischen, rätekommunistischen und anarchistischen Spektrum (Otto Rühle, Amadeo Bordiga, Emma Goldman, Pjotr Kropotkin, Cajo Brendel und Paul Mattick) zur Russischen Revolution.

Auszug aus „Brauner und roter Faschismus“, Otto Rühle 1939

Die Partei jedoch ist im Grunde nicht eine Organisationsform des Proletariats, sondern der Bourgeoisie. […] Die Partei funktionierte nur mit Hilfe einer Bürokratie. Ihr ganzer Apparat ist nach dem Vorbild des bürgerlichen Staates aufgebaut, autoritär-zentralistisch, von oben nach unten wirkend, mit der typischen Scheidung der Mitgliedschaft in zwei Klassen. Initiative, Befehlsgewalt und Rangüberlegenheit ist ausschließlich bei den Führern. Die Massen haben Befehle abzuwarten und entgegenzunehmen, nach Kommando einzuschwenken und zu manövrieren, das knet- und formbare Material in den Händen ihrer Führer zu bilden. Sie empfangen fertige Parolen, lesen ihre von der Führung geschriebene Zeitung, befolgen die von oben inaugurierten Beschlüsse, glauben an die von Parteipriestern ausgelegte Wahrheit ihrer heiligen Schrift. So ist die Partei weltanschauliche Kirche und politischer Militarismus in einem, und wie diese zugleich Abbild des bürgerlichen Staatsapparats, in dem sich die technisch-organisatorische Vollendung des Bürokratismus manifestiert. Indem die Bolschewisten sich als Partei organisierten, brachten sie zum Ausdruck, daß sie sich der bürgerlich reaktionären Konstitution dieser Organisationsform nicht bewußt waren. Und indem sie die Partei zum Funktionsorgan des Staatsapparats machten, verschafften sie dem autoritären Klassenprinzip wieder Eingang in die staatliche Machtausübung und Machtrepräsentation. Die Partei wurde zur Klippe, an der ihre sozialistischen Absichten scheiterten.

[…] Man erstaunt, daß ein Mann wie Lenin, der wie kein Zweiter das Wesen der Dialektik erfaßt zu haben meinte, einen so irrigen Gebrauch von der Dialektik machte. Aber gerade sein Anspruch, der beste Dialektiker zu sein, suchte unbewußt nur die Tatsache zu verdecken, daß er der schlechteste Dialektiker war. Er war überhaupt kein Dialektiker, sondern ein Opportunist. Diese Verwechslung charakterisiert sein ganzes System und seine gesamte Politik. Sie ist auch zum Erbteil seiner Nachfolger geworden. Noch heute ist es typisch für ihr Verhalten, daß sie selbst die ärgste opportunistische Untreue am Prinzip als geniale dialektische Schwenkung zu rechtfertigen suchen.

Einmal in den Teufelskreis des Irrtums geraten, kam der Bolschewismus nicht wieder aus seiner Verstrickung heraus. Die Logik des Selbstbetrugs und der Selbsttäuschung führte mit innerer Konsequenz zur Täuschung und zum Betrug der irregeführten Massen.

Statt des Staates, der sich durch die Sowjets nicht abbauen ließ, wurden die Sowjets durch den Staat abgebaut.

[…] Eine tiefe Verachtung, zum mindesten Geringschätzung der Massen spricht aus diesem (Lenins) Revolutionssystem. Die Proletarier sind – wie im bürgerlichen Heer – nur Kanonenfutter, nur Kulis – wie im kapitalistischen Betrieb. Worauf es ankommt, das sind die Offiziere, die Generalstäbler, die Ingenieure und Techniker. Nach dem Schema der Klassenwissenschaft: sind Kraft und Stoff, Geist und Materie streng geschieden. Das autoritäts-zentralistische Führungsprinzip in zugespitztester Ausprägung feiert seine glänzendsten Triumphe.

In der Tat – rufen die Anhänger Lenins aus –, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Denn in der Revolution hat sich das System Lenins glänzend bewährt. Mit ihm hat Lenin in Rußland den Sieg erfochten.

Rosa Luxemburg hingegen ist in der deutschen Revolution unterlegen. Ihre Strategie und Taktik haben versagt.

Die Beweiskraft dieser Gegenüberstellung scheint überzeugend. Sie wird denn auch von allen Verfechtern des autoritär-zentralistischen Systems immer mit überlegener Geste ausgespielt.

Und doch ist sie falsch, beruht sie auf einem Denkirrtum, einer völlig undialektischen Beweisführung.

Der Gegensatz zwischen Lenin und Rosa Luxemburg ist in Wirklichkeit nicht der Gegensatz zweier Personen, zweier Geister, zweier Systeme als Produkte dieser Geister und Personen. Er ist der Gegensatz zweier historischer Situationen, zweier Zeitalter und damit zweier Systeme, die sich aus den Bedingungen zweier verschiedener Zeitalter ergeben.

Jedes dieser Zeitalter verfügt über andere Waffen und kämpft nach anderen Methoden. Jedes Zeitalter hat sein ihm entsprechendes System.

Bei der russischen Revolution handelt es sich um die Ablösung des feudalistischen Zarismus durch den bürgerlichen Kapitalismus.

Bei der deutschen Revolution ging es um die Ablösung des bürgerlichen Kapitalismus durch den proletarischen Sozialismus.

In der russischen Revolution siegte Lenin. Er siegte gegenüber dem Feudalismus mit der typischen Parteitaktik der bürgerlichen Klasse. Das war im Februar. Und im Oktober siegte er gegenüber der Bourgeoisie mit den Räten, die er den Menschewiki aus den Händen genommen hatte. Er siegte zweimal, einmal auf bürgerliche und ein anderes Mal auf proletarische Weise.

Aber indem er nach dem Siege die Räte wieder abbaute, ging ihm auch der proletarische Sieg wieder verloren. Er blieb historisch nur Sieger der bürgerlichen Revolution.

In der deutschen Revolution unterlag Rosa Luxemburg. Sie unterlag nicht, weil sie nicht auch, wie Lenin in Rußland, parteimäßig kämpfte. Vielmehr unterlag sie, weil in Deutschland die unhistorisch gewordene Parteitaktik versagte und sie selbst nicht vermochte, die der proletarischen Klasse in ihrem Revolutionskampfe entsprechende Rätekampfwaffe zur Anwendung zu bringen. Hätte Rosa Luxemburg das deutsche Proletariat unter dem Banner des Rätesystems in den Kampf geführt, wäre ihr wahrscheinlich der Sieg sicher gewesen. So siegte die Sozialdemokratie, die nur die Vollendung der bürgerlichen Demokratie mit Hilfe der Partei wollte. Und als die Zeit dieser Demokratie abgelaufen war, verwandelte sich ihr Sieg in eine Niederlage, die schließlich zum Faschismus Hitlers führte.

Das gleiche Schicksal hatte der Bolschewismus in Rußland. Der Parteisieg Lenins reichte eben für die Aufrichtung des Kapitalismus aus, nicht aber für die Verwirklichung des Sozialismus. Nicht des Kapitalismus im alten Sinne, sondern gemäß der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung als Staatskapitalismus. Und in voller Kongruenz zu dieser wirtschaftlichen Notwendigkeit erschien der russische Faschismus in Gestalt der Diktatur Stalins.

Ziehen wir das Fazit:

Lenin war seiner historischen Berufung nach der Mann der bürgerlichen Revolution Rußlands. Insoweit er die Grenzen dieser Berufung überschritt, erlitt er sein Fiasko.

Rosa Luxemburg war ihrer historischen Berufung nach die Führerin der proletarischen Revolution in Deutschland. Insoweit sie hinter den Ansprüchen dieser Revolution zurückblieb, erlitt auch sie ihr Fiasko.

Man kann in der Revolution an dem Platze, an den man von der Geschichte gestellt ist, zuviel oder zuwenig tun. Worauf es ankommt, ist, im richtigen Moment und im richtigen Maß das Richtige zu tun.

Alles Unrichtige wird von der Geschichte unerbittlich korrigiert. Und die Menschen, die das Unrichtige tun, werden von ihr gerichtet.

Brief von Amadeo Bordiga an Karl Korsch, Neapel 28. Oktober 1926

[…] „Zum Beispiel scheint mir, dass Ihre „Weise des Sich-Ausdrückens“ über Russland nicht gut ist. Man kann nicht sagen, dass »die russische Revolution eine bürgerliche Revolution ist«. Die Revolution von 1917 ist eine proletarische Revolution gewesen, obwohl es ein Irrtum ist, die daraus zu ziehenden „taktischen“ Lehren zu verallgemeinern. Nun stellt sich das Problem, was mit der proletarischen Diktatur in einem Lande geschieht, wenn nicht die Revolution in den anderen Ländern folgt. Es kann eine Konterrevolution geben, es kann eine von aussen kommende Intervention geben, es kann einen degenerativen Verlauf geben, dessen Symptome und Reflexe innerhalb der kommunistischen Partei es zu entdecken und zu definieren gilt. Man kann nicht einfach sagen, Russland sei ein Land, in dem der Kapitalismus sich ausdehne. Die Sache ist sehr viel komplexer: es handelt sich um neue Formen des Klassenkampfes, für die es keine historischen Präzedenzfälle gibt. Es geht darum, zu zeigen, dass die gesamte von den Stalinisten vertretene Konzeption des Verhältnisses zu den Mittelklassen ein Verzicht auf das kommunistische Programm ist. Es schiene, Sie schlössen die Möglichkeit einer Politik der russischen kommunistischen Partei aus, die nicht der Restauration des Kapitalismus gleichkäme. Dies liefe darauf hinaus, Stalin eine Rechtfertigung zu geben oder die unannehmbare Politik des „Machtabtritts“ zu unterstützen. Man muss hingegen sagen, dass eine korrekte Klassenpolitik in Russland möglich gewesen wäre ohne die Reihe ernster Fehler in der internationalen Politik, die von der gesamten „alten leninistischen Garde“ zusammen begangen wurden. (…)

Emma Goldman, „Ursache und Niedergang der Russischen Revolution“, 1922

Die russische Revolution wurde zu Boden geschlagen, und das Regime der Bolschewiki verstärkte sich ins Ungemessene. Dieses ist das Endergebnis der vierjährigen Verschwörung der Imperialisten gegen Rußland. Wieso kam das? Ganz einfach: das russische Volk, das allein die Revolution gemacht hatte, und das entschlossen war, sie um jeden Preis gegen die Eindringlinge zu verteidigen, war zu beschäftigt an den unzähligen Fronten, als daß es dem Feinde der Revolution im Innern hätte Beachtung schenken können. Und während die Arbeiter und Bauern Rußlands so heroisch ihr Leben einsetzten, wuchs der innere Feind immer mächtiger heran. Langsam aber sicher errichteten die Bolschewiki einen zentralistischen Staat, der die Sowjets zerstörte und die Revolution niederschlug, einen Staat, der sich, was Bürokratie und Despotismus anbelangt, heute mit jedem Großstaat der Welt vergleichen kann.

[…] Wenn man die verschiedenen Faktoren, die zur Erdrosselung der russischen Revolution beigetragen haben, in Betracht zieht, so genügt es nicht, ausschließlich auf die Rolle hinzuweisen, welche die gegenrevolutionären Elemente in diesem Drama gespielt haben. Ihre Verbrechen sind wahrlich ungeheuerlich genug, um sie für alle Zeiten zu verdammen. Diese russischen ”Patrioten” – Monarchisten, Kadetten (konstitutionelle Demokraten), rechte Sozialrevolutionäre usw.- erfüllten die Welt mit ihrem Geschrei für eine Intervention des Auslandes. Was galt es ihnen, daß Millionen ihrer eigenen Landsleute und Tausende unschuldiger Opfer aller anderen Länder in diesem unheiligen Kriege gegen Rußland dahingeschlachtet wurden! Sie selbst lebten ja in vollständiger Sicherheit: Weder die Kugeln der Tscheka, noch die würgende Hand des Hungers oder des Typhus konnte sie erreichen. Sie konnten es sich leisten, die Rolle der Patrioten zu spielen. Doch all dies ist hinreichend bekannt und bedarf keiner weiteren Erklärung. Nicht bekannt aber ist, daß die russischen und alliierten Interventionen nicht die einzigen handelnden Kräfte gewesen sind in diesem gewaltigen sozialen Drama, das mit dem Tode der russischen Revolution sein Ende fand. Die anderen waren die Bolschewiki selbst, und über ihre Rolle will ich jetzt sprechen. Vielleicht war das Schicksal der russischen Revolution bereits bei ihrer Geburt entschieden. Die Revolution folgte einem vierjährigen Kriege direkt auf den Fersen, einem Kriege, der Rußland seiner besten Manneskraft beraubt, sein Blut in Strömen vergossen und das ganze Land verwüstet hatte. Unter solchen Umständen wäre es begreiflich gewesen, wenn die Revolution nicht die nötige Kraft hätte aufbringen können, um dem wütenden Anprall der ganzen übrigen Welt zu widerstehen. Die Bolschewisten behaupten, daß das russische Volk wohl stark und heroisch genug sei, einer großen Umwälzung den ersten Anstoß zu geben, jedoch nicht über die nötige Ausdauer verfüge, die für die langsame und aufreibende Alltagsarbeit einer revolutionären Periode unumgänglich ist. Ich bestreite die Richtigkeit dieser Behauptung. Aber selbst wenn diese Ansicht gut begründet wäre, so müßte ich dennoch darauf bestehen, daß es nicht so sehr die Angriffe von außen als die unsinnigen und grausamen Methoden in Rußland selbst gewesen sind, welche die russische Revolution erdrosselt und dem Volke das Joch des Despotismus auf den Nacken gezwungen haben. Es war die marxistische Staatskunst der Bolschewiki, die Taktik, die man zuerst als für den Erfolg der Revolution unumgänglich notwendig gepriesen hatte, um sie später, nachdem sie überall Elend, Mißtrauen und Antagonismus verbreitet hatte, als schädlich beiseite zu werfen, welche langsam den Glauben des Volkes an die Revolution untergrub. Wenn jemals ein Zweifel darüber bestand, ob die größte Gefahr für eine Revolution in den Angriffen von außen her oder in der Ausschaltung des Volkes an den Ereignissen und der Lähmung seiner Interessen für die Revolution von innen her zu suchen sei, so hat die russische Revolution jeden Zweifel in dieser Frage ein für allemal behoben. Die Gegenrevolution, unterstützt von den Alliierten durch Geld, Kriegsmaterial und Menschen, versagte vollständig. Ihre Niederlage ist nicht so sehr auf den heroischen Geist in der Roten Armee als vielmehr auf den revolutionären Enthusiasmus des Volkes zurückzuführen, das jeden Angriff erfolgreich niederschlug. Und dennoch starb die russische Revolution eines qualvollen Todes.

Pjotr Kropotkin

”Wir Anarchisten haben sehr viel von der sozialen Revolution gesprochen. Aber wie wenige von uns haben sich die Mühe genommen, die nötigen Vorbereitungen für die unmittelbare Arbeit, die während und nach der Revolution geleistet werden muß, zu treffen. Die Russische Revolution hat uns die absolute Notwendigkeit solcher Vorbereitungen für praktische konstruktive Arbeit klar vor Augen geführt”.

Auzüge aus: Cajo Brendel, „Lenin als Stratege der bürgerlichen Revolution“, 1958

Die bolschewistischen Anschauungen über die russische Revolution bildeten sich zu einer Zeit, da Rußland noch ein riesiges Agrarland war und die Morgenröte des Kapitalismus erst heran brach. Der wesentliche Charakter bestimmter, zur kapitalistischen Gesellschaft gehörender Erscheinungen war somit kaum sichtbar. Es fehlte die Erfahrung wiederholter Wirkungen auf sozialökonomischem Gebiete, anhand derer sich das menschliche Bewußtsein eine Einsicht in die Sozialgesetze der jungen Produktionsweise hätte bilden können. im Westen war die Ökonomie als Wissenschaft nicht die Voraussetzung, sondern das Produkt der bürgerlichen Verhältnisse. Die Kritik, die vom proletarischen Standpunkt an ihr geübt wurde – indem ihre Entwicklungstendenzen mit Hilfe einer materialistischen Dialektik, die als Methode wiederum erst innerhalb jener Verhältnisse entstehen konnte, aufgezeigt wurden – war erst bei einer gewissen Reife ihrer inneren Gegensätze möglich. in Rußland gab es keine bürgerlichen Verhältnisse. Damit fehlte zugleich die Voraussetzung für ein richtiges Verständnis von deren Sozialgesetzlichkeit.

[…] Der Kulak, ein gewisser Spekulant, ein Privatkapitalist; Verräter, Konterrevolutionäre, Philister und Spießbürger, Reformisten oder Dummköpfe, Versöhnler oder Liquidatoren,

Feinde oder selbstzufriedene Bürokraten, sind, wie es gerade den Bolschewiki in den Kram paßt, nach Belieben für bestimmte soziale Erscheinungen verantwortlich zu machen; nie werden diese Erscheinungen als das Ergebnis einer sozialgesetzlichen Entwicklung verstanden. Zur Probe nehme man nur die Schrift über „die Kinderkrankheit“ in die Hand. Wenn Lenin dort auf die von der europäischen Linken kritisierten Gewerkschaften eingeht und auf ihre Bürokratie zu sprechen kommt, erklärt er diese Bürokratie nicht aus der gewerkschaftlichen Struktur, sondern er erklärt umgekehrt die gewerkschaftliche Praxis aus dem (schlechten) Charakter der Bürokraten. Jene Auffassung, daß die Gewerkschaften die Gewerkschaftler bilden, liegt ihm fern. Lenin faßt die reale Gestalt der Gewerkschaften nicht als ein Ergebnis der Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft auf, sondern er glaubt allen Ernstes, sie sei vom „Willen“ der Gewerkschaftsführer gestaltet.

[…] Und wo er von „Praxis“ redet, da meint er in den meisten Fällen nicht die Praxis der Massen, sondern die der Partei.Nach Lenin soll die (bolschewistische) Partei, sich eine Vertrauensposition erwerben, eine derartige Position, daß sie stark genug sei, „um das bürgerliche Parlament … auseinanderzujagen“ (S. 428). Diese Auffassung ist typisch für den Bolschewismus, der die proletarische Revolution als Staatsstreich versteht, nicht als Massenaktion, nicht als gesellschaftlichen Prozeß. Er inszeniert Revolutionen, denkt immerfort in Begriffen einer solchen Inszenierung, nicht in Begriffen des Klassenkampfes, deshalb, weil er die Traditionen bürgerlicher Umwälzungen weiterfuhrt. Für Lenin ist ein solches Ende des Parlaments mittels einer von der Partei durchgeführten Art Staatsstreich gleichbedeutend mit den Ende des Parlamentarismus. Die Linke dagegen spricht über das Ende des Parlamentarismus als Kampfmethode, sobald jene Zeit hereinbricht, da die Massen selbst zu kämpfen anfangen. Die Linke betrachtet den autonomen Massenkampf als dasjenige, was die Massen von ihren Illusionen befreien wird, als das Merkmal der proletarischen Revolution im Unterschied zur bürgerlichen. Für die Linke gibt es keinen größeren Gegensatz als den zwischen diesem Kampf der Massen und dem sogenannten „Kampf“ der sogenannten „Führer“ im Parlament.

Für den autonomen Kampf der Proletariermassen bringt Lenin nicht das geringste Verständnis auf. für ihn bandelt es sich lediglich darum, „im reaktionären Parlament“ – der Ausdruck ist genauso bezeichnend wie jener der „reaktionären Gewerkschaftsbürokratie“ – über eine „gute Parlamentsfraktion …“ zu verfügen (S. 434). Für ihn dreht sich die ganze Frage nicht um die sich ändernde Funktion des Parlaments in der sich ändernden Gesellschaft, sondern um die Gesinnung der Parlamentarier. Lenin glaubt, die Frage wäre gelöst, wenn auch hier „die schlechten Führer“ durch „gute und zuverlässige“ ersetzt wären. Er ist auch in Bezug auf diese Frage ganz und gar ein Voluntarist, dem es darum gebt, was die (parlamentarischen) Führer wollen, nicht was sie können.

Auszüge aus: Paul Mattick„Die kapitalistische Tendenz Russlands“, 19. Januar 1932

[…] Nicht der Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Produktionsweise sollte den Inhalt der Revolution bilden, sondern der beschleunigte Übergang vom rückständigen, russischen zum fortgeschrittenen Kapitalismus. Was ihnen vorschwebte, war eine Art Staatskapitalismus und so sagte Lenin auch am 29. April 1918 folgendes:

„Wir nehmen uns den deutschen Staatskapitalismus zum Muster, er ist uns weit überlegen. Die Sicherung eines solchen Staatskapitalismus hier bei uns in Sowjetrußland wäre unsere Rettung“.

Nachweisbar aus allen Schriften und Debatten dieser Periode, ergibt sich, daß die Bolschewiki damals nichts anders forderten als den Staatskapitalismus ohne allgemeine Expropriation der Industriellen Bourgeoisie. Nur die Banken und Transportmittel sollten verstaatlicht werden, im übrigen verlangte man nur die Kontrolle der Privatunternehmen durch die Regierung und die Arbeiterräte. Die Volksmiliz sollte diese Kontrolle sichern.

Auf eine Formel gebracht, kann an ihren eigenen Schriften nachweisbar, die Stellung der Bolschewiki 1917 wie folgt betrachtet werden: wir können bei der ökonomischen Rückständigkeit Rußlands die proletarische, sozialistische Revolution nicht durchführen, aber wir werden einen Kapitalismus aufbauen, von dem später aus der Übergang zur proletarischen Revolution gemacht werden kann. Das heißt eben: wir Bolschewiki übernehmen es, in Rußland die objektiven historischen Aufgaben der Bourgeoisie durchzuführen. Die Phrase vom proletarischen Inhalt kam erst später. Der prinzipielle Charakter der russischen Novemberrevolution (25. Okt.) ist nach der Auffassung Lenins und der gesamten Bolschewiki kein proletarischer gewesen.

[…] Die Monate April- in 1918 haben zwei bleibende Resultate gezeigt, die seitdem die ganze Struktur des bolschewistischen Regimes bestimmt haben. Erstens, die Zerschlagung der proletarischen Organisationen von 1917 und die Fesselung des russischen Proletariats durch die Verwandlung der Gewerkschaften in Unterorganisationen der bolschewistischen Regierungspartei. Zweitens, der Übergang der Industrie in die Hände der Bolschewiken, und damit der Verwandlung des letzteren in einen Gesamtkapitalisten. Scheinbar beweist gerade diese letzte Maßnahme den proletarischen Charakter der bolschewistischen Politik, aber eben nur scheinbar, denn um tatsächlich als solche angesprochen zu werden, müßte die Revolution proletarischen Charakter haben. Wir wiesen aber nach, daß sie diesen Charakter nicht besaß. In den Thesen der „linken Opposition“ innerhalb der russischen KP, in der Radek und Bucharin arbeiteten, wurde schon 1918 der ganze Weg der russischen Revolution auf Grund ihrer Maßnahmen vorgezeichnet.

(Foto: klassegegenklasse.org)

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